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Hochloma

     Am 26. November 2001 besuchten die Gerichtsvollzieher die Fabrik für KunstÐgewerbemalerei. Alle Maschinen und Werkzeuge wurden sichergestellt und gepfändet. Schon im Winter des Jahres 2000 mit seiner strengen Kälte wurde noch nicht einmal die Heizung in der Fabrik angestellt. Es ist von unserem Staat kein schöner Zug, dass er es zulässt, dass ein so einzigartiger Betrieb, den die Meister aus SemeÐnow gegründet hatten seine Produktion einstellen und seine Pforten schließen musste. Und dass deswegen wieder einige ArÐbeiter mehr ohne Arbeit auf der Straße sitzen. Zum Errichten neuer Kirchen und zum Spenden stellte er riesige Geldsummen zur Verfügung, aber einem Betrieb, dem die Geldmittel auf irgendeine Weise ausgegangen waren, konnte er mit keinen Rubel unter die Armen greifen. Hier, in dieser Fabrik, wurde in dieser kurzen Zeit eine Technologie zur Herstellung des Halbzeuges, sowie eine große AnÐzahl Zwischenarbeiten, bis zur fertigen Malerei, entwickelt und auch fertiggestellt. Auf diese Art und Weise entstand in der Welt das berühmte Kunsthandwerk des Hohloma. Als ich im Ausland war, sah ich mit eigenen Augen Werkzeuge zur Herstellung des Hochloma. Besonders viele WerkÐzeuge sah ich in Deutschland.  In verschiedenen Zeitepochen arbeiteten hier viele Meisterinnen und Meister in diesem inzwischen weltbekannten KunstÐhandwerk. Viele von ihnen - darunter war auch Natascha - wurden zum Arbeiten in der Fabrik für Kunstgewerbemalerei geÐzwungen. Leider musste unsere Wirtschaft und die Gesellschaft dadurch eine große Bedrängnis ertragen. Aber trotz aller Schwierigkeiten ist das Kunstgewerbe Hochloma heute bis weit im Ausland berühmt geworden, zum Beispiel auf dem Speyerer Weihnachtsmarkt in Deutschland. Aber es ist trotzdem sehr traurig, dass die Fabrik der Kunstgewerbemalerei, die der ganze Stolz unserer Stadt in der Sowjetzeit war, niemals richtig anerkannt und genutzt wurde.

     Unsere Post: Guten Tag, meine sehr geehrten neuen Bekannten! <...> Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und für Ihre Interessen an Hochloma , aber was kann ich Euch schreiben? <...> Es fehlen viele Fakten, wenigstens im Augenblick noch. Aber es sind nicht nur die Fakten. Zum Beispiel, in der späten Sowjetzeit hat man Hochloma in großem Umfang gemacht. Alle Leiter der Partei haben irgendetwas Ungewöhnliches für sachdienlich gehalten. Und es wurde die Flasche, aus der später Wodka getrunken wird, die Teekessel und die Messer fein säuberlich und mit Künstlerhand in Hochloma bemalt. Sie werden es kaum glauben, aber wäre mein Vater der Leiter der örtlichen Fahrschule, so würde man dort sämtliche im Einsatz befindliche Autos in Hohloma bemalen. Ich darf natürlich nicht darüber urteilen. Aber ich glaube, dass es eine Profanierung und nicht nur Spielerei ist. Jedoch es gibt viele alte Leute, die ihr Leben dieser Kunst verschrieben haben. Ich erinnere mich noch recht gut an den Familienname Krassilnikow. Ich glaube, er hieß Pawel Krassilnikow!? Dieser vermeintliche Pawel Krassilnikow war wahrlich der MEISTER von Hochloma. Später hatten es die Künstlerinnen und Künstler in der Fachschule(!!!) entstanden. Dort wurde man ihnen erklärt, was ³travkaã und ³kudrinaã ist. Darum Hochloma keine handwerkliche Kunst mehr war, weil sie in die Produktion am Fließband aufgenommen wurde. Die Produktion in der Stadt Semenow läuft auf vollen Hochtouren. An dieser Stelle möchte ich mich Ihnen vorstellen, damit Sie mich besser verstehen können: Ich bin 41 Jahre alt und habe bei der Marine gedient. Nach meiner Dienstzeit bin ich auf der Halbinsel Kamtschatka geblieben. Heute arbeite ich mit Computer, was seit meiner Dienstzeit bei der Marine zu meinem Lebensinhalt geworden ist. Mein Großvater und seine Freunde trieben in den dreißiger Jahren Handel, eine Art ³fliegender Handelã. Sie zogen in die ferne Stadt Murom, wohin sie Hochloma und andere Sachen mitnahmen. Aber leider gibt es heutzutage keine Kaufleute mehr, wie mein Großvater einer war. Sie verstehen sich zwar noch auf Geld verdienen, doch sie können nicht mit Geld umgehen oder es richtig anlegen. Heute fahren junge Leute sogar bis nach Sibirien, was meiner Meinung nach sicherlich nutzlos ist. Vor zwei Monate war ich in meiner Heimat. Bei uns liegt die Betonung von ³Hochlomaã auf erste Silbe, wogegen sie in einer anderen Gegend von anderen Leuten auf der zweiten Silbe liegt. Insgesamt leben die Menschen mehr schlecht als recht. So werden sie mehr oder weniger zum stehlen gezwungen. Sie klauen alles, was ihnen unter die Finger kommt. Hauptsächlich klauen sie Holz, um es nach Finnland teuer zu verkaufen. Zum ³drechseln der Holzklötzeã hat ja doch keiner mehr Lust, denn das bringt ihnen ja keinen Profit, da klingen keine Rubel in ihren Geldsäckel. Daran kann man leider nichts ändern, darüber sind wir machtlos. Ich habe einige Meister kennengelernt, es sind sehr interessante und urwüchsige Leute. Ihre Hände machen wirklich großartige Kunstwerke, und sie verdienen damit das große Geld. Es ist schon sehr erstaunlich, wie es überhaupt möglich ist, das Holz unbemerkt ins Ausland zu schaffen. Doch wenn jemand ehrliche Arbeit mit seinen Händen zu machen versucht, ist die Steuerpolizei hinter ihm her. Die Siedlung ist klein, jeder kennt jeden, jeder weiß etwas anderes, und sie helfen einander. Wenn es nicht zum Weinen wäre, könnte man glatt lachen. Denn in der Kolchose (zum Beispiel ãKowerinoä) Verkauften sie die Werkzeugmaschine fast umsonst. Und wir können nicht das geringste dagegen tun. Ich bin völlig überzeugt, hätten unsere Großväter nicht eine solche Generation wie diese aufgezogen, so würden sie heute ihre Sache fortsetzen. Entschuldigen Sie, bitte, meine Geziertheit. Denn nicht ich, sondern die Meister urteilen so. Sie meinen, dass es gut sei, Hochloma in der Bekleidung und im Geschirr anzuwenden. In der Bezirkssiedlung Kowerino (die Betonung liegt auf der letzten Silbe) bemüht man sich, die Kirche wieder aufzubauen. Man hat sich sogar vorgenommen den Geist Hochloma in dieses Bauwerk mit einzubeziehen. Aber ich überlasse es Ihnen, das zu beurteilen. Vielleicht kann dieses Werk unbedingt nur ein erstklassiges Talent entstehen lassen. Ich weiß nicht, ob es nötig ist, meine Gedanken auf einer Internetseite unterzubringen. Ich bin nicht dagegen, aber es ist ein Verzweiflungsschrei. Was soll ich noch schreiben? - Wir haben den Fluß Usola (wir sprechen wieder mit der Betonung auf der ersten Silbe und offiziell auf der zweiten), auf dem das Holz zum Balachninsky Papierkombinat geflößt wird. Dadurch wurde der Fluss regelrecht vergiftet. Ich glaube, darin gibt es kaum noch einen einzigen Fisch, wenn doch, so sind diese bestimmt krank und müssen sterben. Der Fluss ist dennoch wunderschön. Ich traue mit einem beliebigen Menschen zu wetten, dass es an einem anderen Ort nicht so viele Pilze gib, als hier. Ich war an sehr vielen verschiedenen Orte, auch auf der sehr pilzreichen Halbinsel Kamtschatka, aber ich habe nirgendwo so viele Pilze gesehen, als hier. Ich hoffe, daß ich Sie mit meinen Gedanken nicht zu sehr ermüdet habe. Und wenn Sie mir mal ein paar nette Worte schreiben würdet, darüber würde ich mich sehr freuen.

Anatoly